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Sisyphusarbeit

"Es ist eine Sisyphusarbeit ..." so stöhnt wohl manch einer, der im Drange der Geschäfte kein Ende seiner Arbeit absieht, der nicht weiss, wann und wie er je mit seiner Arbeit fertig wird. Aber eine wirkliche und wahrhafte Sisyphusarbeit ist doch noch etwas anderes: Das ist eine Mühsal, die einen immer wieder auf ein Ende hoffen lässt und doch immer wieder auf den Anfang zurückwirft, eine Mühsal, in der alle Mühe "vergeblich", buchstäblich "vergeben" und verloren ist. Odysseus hat den mythischen Büsser in der Unterwelt getroffen, Seite an Seite mit dem greisen Tantalos, und Homer hat ihn in seiner "Odyssee", am Ende des 11. Gesangs, davon erzählen lassen:

"Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, befördern wollte. Ja, und mit Händen und Füssen stemmend, stiess er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Uebergewicht zurück: Von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinab. Er aber stiess ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiss ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus."

Hofft Sisyphos, dass er seinen Stein doch irgendwann glücklich über die Kuppe bringt? Oder weiss er, dass seine immer neue Anstrengung immer wieder zunichte wird? Darüber sagt der Mythos nichts. Aber immerhin hat dieser Sisyphos einen sprechenden Namen. Ein einfacher sophós - so das geläufige Adjektiv - ist im klassischen Griechisch ein "Kluger", ein "Schlauer", ein reduplizierter, doppelt gemoppelter "Si-syphos" ein "Neunmalkluger", ein "Superschlauer". Und da weiss der Mythos von diesem Sisyphos ein paar Stückchen zu erzählen: Wie er seine Rinder mit einem verdeckten, unter den Hufen eingebrannten Zeichen markiert und so den einschlägig berüchtigten Autolykos, einen Sohn des findigen, diebischen Hermes, des Rinderdiebstahls überführt; oder: Wie er es fertigbringt, den Tod in Fesseln zu schlagen, so dass eine ganze Zeitlang niemand sterben kann, bis der Kriegsgott Ares den Tod wieder losgebunden hat; oder: Wie der sterbenskranke Sisyphos seiner Frau aufs strengste verbietet, ihn gehörig zu bestatten, sich dann von dem Unterweltsgott Hades Urlaub geben lässt, die Frevlerin da oben Mores zu lehren, und von diesem Urlaub nicht ins Schattenreich zurückkehrt. Wenn wir den Mythos recht verstehen, büsst dieser Superschlaue mit seiner Sisyphusarbeit eben für diese Superschläue: Die alten Götter liessen sich nicht gerne übertölpeln, und der Tod, der Thanatos, schon gar nicht.

Freilich: für den Sachbearbeiter, der heute den einen Packen Versicherungsfälle erledigt und morgen den nächsten auf den Schreibtisch bekommt, oder für den Lehrer, der heute den einen Stapel Deutschaufsätze korrigiert und morgen gleich wieder dreiunddreissig Aufsatzhefte heimbringt, ist dieser Sisyphos vielleicht ein paar Nummern zu gross. Für unsereinen passt da eher der Seilflechter Oknos, dessen gleichfalls sprechender Name Zögerlichkeit und Saumseligkeit anzeigt: kein grosser Frevler, vielmehr ein Muster des Menschen wie Du und Ich, der sich in seinen Alltagsgeschäften verheddert und verhaspelt, ohne je mit seiner Seilflechterei fertig zu werden. Der griechische Mythos hat ihm seinen bescheidenen Platz neben den grossen Unterweltsbüssern Tantalos und Sisyphos gegeben, und da sehen wir den Unermüdlichen, Unverdrossenen vor uns, wie er auf seinem Schoss Elle um Elle ein endloses Hanfseil flicht, das sein geradeso unermüdlicher, unverdrossener Esel hinter seinem Rücken Elle für Elle wieder auffrisst. Plutarch hat die Vergessenheit einmal drastisch mit dem Esel des Oknos verglichen, der das Tagewerk dieses Seilflechters immer gleich ratzeputz wieder auffrisst; schade, dass ebendiese Vergessenheit inzwischen auch diesen Seilflechter Oknos selbst samt Esel und Hanfseil geradeso ratzeputz wieder aufgefressen hat!

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster